Videoinstallation  "Before, fish were abundant".

 

 

"Eine Meditation über ein Unding".

 

Prof. Dr. Eckehard Binas, 2019 

 

Welch lustvoller Begriff: Die Grenze! Warum? Weil sie etwas repräsentiert, was uns Menschen gleichsam evolutionär in die Wiege gelegt ist, die Überschreitung! Und weil sie für etwas steht, was so fremd und abenteuerlich ist, dass am Ende niemand sagen kann, was sie eigentlich ist, worin ihr Eigenes besteht … Also wir müssen schon starke Gründe haben, das bequeme Hier zu verlassen zugunsten eines unsicheren Fremden. Und unklar ist, welches Motiv stärker ist, die Neugier oder die Not, die Kopf zu heben und Witterung von dem aufzunehmen, was hinterm Horizont zu sein scheint, von dem, was wir erahnen, was unsere Sehnsuchtsprojektionen sind. Manchmal ist es allerdings der pure Überlebenswillen, auch das muss gesagt werden. Natürlich ist der Gedanke verlockend sich vorzustellen, das es „bloß“ die spontane Entscheidung war, angesichts der Alternativen zwischen bequem und sicher auf der einen und verschlungen abenteuerlich und riskant auf der anderen Seite wie schon tausende Generation vor uns die nicht-langweilige Variante zu wählen. Aber: es kommt auch auf die Grenze selbst an. Eine Mauer ist keine Spielfeldlinie. Sie bildet in ihrem Bau nicht nur das Vermögen der Bauherren, sondern vor allem die Vorstellung von dem ab, was abgehalten werden soll. Was, wenn man mitten drauf sitzt? Das eine Bein in Palästina, das andere in Israel. Oder die Grenze, weil sie keine Linie, sondern Fläche ist, kann selbstbewusst bewohnt werden. Auf ihr gelten weder die Gesetze der einen noch der anderen Welt. Der Limes ist sozialer und ästhetischer Experimentalbezirk. Hierfür müssen erst Logiken gefunden werden, hier kann probiert werden, wie weitestgehend Regeln und Bestimmungen vermieden werden können, wie frei Freiheit ist. Aber eine solche Grenze ist diese hier nicht, soll sie nicht sein. Sie soll schrecklich sein, abschreckend; für jeden der auch nur daran denkt, sie zu umschwimmen oder zu überklettern, soll sie unüberwindlich sein – eine paradoxe Vorstellung. Welches unredliche Geheimnis soll sie verstecken, welche Früchte sind so opak, dass sie nur Auserwählten schmecken dürfen? Welche prekäre Idylle soll sie verbergen, vor welchem Albtraum soll sie bewahren?

Eine Mauer im Meer – eine eher paradoxe Vorstellung. Das Meer ist doch Verbindung, es flüstert uns die Geheimnisse der anderen Ufer zu, es schreit und peitscht uns ihre Warnungen auf die Haut und um die Ohren. Das Wasser hat keine Gestalt. Erst seine Gestade geben Form und Dimension, die Brandung fordert das Land zum Kampf. Hier hat die Geschichte des Wassers begonnen, von hier entspinnt sich ihr Narrativ bis in unsere Wohnungen, Gärten und Bäder. Aber wir nehmen es nicht nur auf, wir tauchen ein, wir gleiten und schwimmen, weit, weit, weit!

Soll dieses Volk ein Volk von Schwimmern werden? Oder soll seine Verinselung aus ihm Paradiesgärtner machen, oder Durchgeknallte, Verzweifelte, Klaustrophobiker, Mauerpreller, Sänger – Vögel und Transzendenzakrobaten? Ein Volk in Meditation solange, bis das Wasser dick genug ist für sein Überschreiten. 

Was für eine Idee? China vor zwei tausend Jahren, zwei tausend Kilometer lang, Berlin 61 bis 89 eine Sonderzone für Wehrdienstverweigerer, eine Konsumoase als ostentativer Pfahl im Fleische des Sozialismus und dann noch die Mauer an der mexikanischen Grenze! Historische Unvernunft und Amnesie!

Valentina Torrado: Einmal stand ich vor ihrem Bild, irgendwo in Berlin zwischen Straßen, Wohnblöcken, Gewerbe, kurz: Lärm, durchwachsenes Wetter, mitten am Tag, in einer kleinen Galerie. In diesem Raum nur dieses Eine. In meiner Erinnerung war das Bild drei Meter breit und vielleicht 2 Meter hoch. Es war Neonrot, über und über Neonrot. Aber nicht einfach, sondern der Blick war sofort verführt, verwirrt, er huschte, er musste hin und her huschen; tausende Details: ein lebendiges Meer. Kurz Luft anhalten, das tosende, quirlende Wasser stillhalten. Linien, Wellen, Flecken, Spritzer, Wasser, Wasser. Wie fängt man die Vielfalt des Unendlichen ein, wie das schmeichelnde Chaos, das verlockende Bild, das dir sagt, das alles sein kann? Ich stand vor diesem ROTEN MEER und mein Kopf meine Augen wurden gezogen, geradezu hineingezogen von einer unsichtbaren Kraft, von einer Totalität des sichtbaren Wassers. Der Kopf springt, schwimmt, wird nass, taucht, schwimmt, friert, holt Luft, weiß nicht mehr, wo das Ufer ist, wo oben oder unten ist. Das Bild hat mich gezogen wie die Sirenen des Odysseus, das Gleichgewicht schwindet, jeglicher Halt im Äußeren fehlt. Nur im Eigenen, im Selbst sollten nun starke Pfeiler stehen, sonst gehst Du verloren.